Einleitung
Geld ist weit mehr als nur ein Tauschmittel; es ist eine mächtige Abstraktion und Komprimierung ökonomischer Information. Schon in der klassischen Markttheorie wird stark abstrahiert: Der Markt gilt als effizienter als der direkte Tausch, da Wettbewerb und stetige Preisvergleiche eine effiziente Preisbildung ermöglichen.
Allerdings herrscht in der Realität selten ein perfektes Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Klassische Theorien (etwa im Sinne von Walras) modellieren Märkte als geschlossene Systeme, die sich über den Preis zum Gleichgewicht bewegen. Dieses Modell ist zwar elegant, bleibt aber stark idealisiert.
Die Wachstumsdynamik und der Zwang zum Überschuss
Um die notwendige Wachstumsdynamik einer Volkswirtschaft zu verstehen, liefert Hans Christoph Binswanger einen entscheidenden Erklärungsansatz. Er macht deutlich, dass es für ein Unternehmen nicht ausreicht, geliehenes Kapital durch den Verkauf von Gütern lediglich zurückzuzahlen:
„Vielmehr muss dabei auch ein Überschuss von Geld in Form des Unternehmensgewinns – des ‚Profits‘ […] erzielt werden. Er umfasst den Zins für das Fremdkapital und den Reingewinn für das Eigenkapital.“ (Binswanger, S. 310)
Dieser Mechanismus lässt sich eins zu eins auf den aktuellen KI-Sektor übertragen. Hier müssen die massiven Erwartungen des Kapitals bedient werden – sei es durch Venture Capital, Private Equity oder strategische Investments. Diese Kapitalgeber verlangen nicht nur eine Rendite auf das Eigenkapital, sondern erzeugen einen strukturellen Wachstumsdruck. Die Bewertungen müssen permanent steigen, um die Erwartungen zu erfüllen.
Geldschöpfung und das Gesamtsystem
Ein oft unterschätzter Punkt ist, dass durch Kredite die Geldmenge (Buchgeld) im Wege der Geldschöpfung erhöht wird. Im Gesamtsystem kann die Geldmenge letztlich nur durch neue Verschuldung wachsen – entweder durch den Staat oder durch private Marktteilnehmer. Die Konsequenzen dieser Abhängigkeit sind komplex und verdienen eigentlich eine separate Betrachtung.
Klar ist jedoch: In modernen, kapitalintensiven Innovationszyklen koppeln sich Geld (Kapital), Energie (physische Skalierung) und Imagination (Erwartungsbildung) immer enger aneinander.
Imagination als Bewertungsgrundlage
Aktuelle Bewertungsdynamiken entstehen nicht mehr nur aus realer Produktivität, sondern massiv aus Zukunftsszenarien, die durch die Märkte vorfinanziert werden. Ob diese Annahmen realistisch sind, zeigt sich erst mit der Zeit. Wie groß die Rolle der „Imagination“ derzeit ist, sieht man an den Erwartungen rund um AGI (Artificial General Intelligence).
Wir beobachten im KI-Boom eine deutliche Verschiebung:
- Extrem hohe Zukunftserwartungen.
- Massive Kapitalakkumulation.
- Noch begrenzte reale Produktivitätsdurchdringung (Stand heute).
Das Ergebnis ist eine hohe Volatilität und die Gefahr von Übertreibungen. Hier stößt die monetäre Bewertung an ihre Grenzen. Während bei etablierten Unternehmen Kennzahlen wie Cashflow oder reale Assets dominieren, regieren im Startup-Bereich weiche Faktoren: Marktpotenzial, Teamstärke und die Skalierbarkeit der Technologie.
Das Limit der Bewertung
Wenn KI-Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic mit Summen im Bereich von einer Billion Dollar bewertet werden, erreichen wir Dimensionen, die schwer greifbar sind. Zum Vergleich: Das BIP Deutschlands liegt bei ca. 4,5 Billionen Euro.
Nur die Zukunft wird zeigen, wie realistisch diese Szenarien sind. Sicher ist jedoch: Irgendwann erreichen Bewertungen ihr physikalisches oder ökonomisches Limit. Die spannende Frage bleibt, was passiert, wenn das System die Erwartungen der Kapitalgeber nicht mehr ausreichend bedienen kann.
Quellen: Hans Christoph Binswanger (2006): Die Wachstumsspirale, Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses; Metropolis Verlag.
